Was uns bewegte

 Die wahren Orte dieser Erde, also die, die geeignet sind, ständig wieder betrachtet zu werden, sind fast immer komplex und mehrdeutig. Es scheint auch ein Merkmal von ihnen zu sein, dass sie erstaunlich wandelbar sind, manchmal hinsichtlich ihrer Nutzung, fast immer hinsichtlich ihrer Größe: alle können als potentielle Spielzeuge betrachtet werden, die man in die Tasche der Erinnerung stecken und mitnehmen kann oder die herausgenommen werden können, um für eine zeitlang die ganze bewusste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen...(Charles Moore)

 

Kircheninnenraum

Das Kreuz am Boden

Dem Umbau des Innenraumes der Hochheimer Kirche ging ein etwa sechsjähriger Prozess der Konzeptentwicklung voraus. Seit 1990 befasste sich zunächst der Kirchenvorstand in Form eines Gemeindeseminares mit der Erarbeitung von Zielvorstellungen für die Neugestaltung.

Dieses Seminar wurde durchgängig begleitet von dem später beauftragten Hochheimer Architekten Ekkehard Enders und zeitweise auch von dem inzwischen verstorbenen Prof. Dr. Rainer Volp. Die Leitfrage lautete: Welche Zeichen setzt dieser Raum, und welche Zeichen wollen wir in und mit diesem Kirchenraum setzen? Sowohl vom Verlauf dieses Prozesses als auch vom Ergebnis her kann festgestellt werden: es hat sich gelohnt, diese und andere daraus sich ergebende Fragen nicht nur unter Fachleuten zu diskutieren und zu entscheiden, sondern sehr weitgehend auch der Kompetenz der Gemeinde zu trauen bzw. der mitunter mühsamen Auseinandersetzung zwischen "Fachleuten" und "Laien" nicht aus dem Weg zu gehen.

 

Die Gestaltung des Kirchenraumes

Die Kreuze
Die durch den gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgten Anbau im Westen entstandene Asymmetrie des Grundrisses wird durch ein in den Fußboden eingelassenes, diagonal im Raum liegendes Kreuz hervorgehoben. Die senkrechte Kreuzlinie verläuft vom Portal bis zum Chorraum.
In ihrer gedachten Verlängerung verbindet sie die verschiedenen Zugänge in die Kirche. Vor den Stufen zum Chorraum wird sie durch die Querlinie gekreuzt.
Im Schnittpunkt beider Linien befindet sich der Standort der Taufe als Symbol des Lebensanfangs.
Ihr gegenüber hängt an der Ostwand das Kruzifix:
Symbol des Todes und zugleich des neuen Lebens.
Dem auf dem Boden abgebildeten Kreuz entspricht das im Deckengemälde erscheinende Kreuz:"....wie im Himmel, so auf Erden."

Die Liturgischen Orte
Der Altar wurde 1997 von der Hochheimer Künstlerin Claudia Poeschmann geschaffen. Er schlägt eine Brücke zwischen dem Alten (Fachwerk, ca. 500 Jahre alt) und dem Neuen (Glas und Stahl); er ist beweglich, so dass er stets dort aufgestellt werden kann, wo er in unterschiedlich gestalteten Gottesdiensten und entsprechend veränderter Formation der Bestuhlung (z.B. im Kreis), als Zentrum gebraucht wird.
Das Taufbecken wurde 1997 von der Hochheimer Künstlerin Ina Kriegelstein geschaffen. Es verbindet die geometrischen Formen des Dreiecks (Trinität: Vater, Sohn, Geist) und des Kreises (Ganzheit, Göttlichkeit) miteinander. Taufbecken gestiftet von Firma Braun & Company, Papierwaren.

Die Kunst
Im Chorraum befindet sich ein Exponat der "Himmelstreppen": in alte Fachwerkbalken hinein gearbeitete Stufen unterschiedlichster Form und Art, die Claudia Poeschmann im Jahre 1997 eigens für die 1. Kunstausstellung in dieser Kirche nach ihrem Umbau gefertigt hat.
Diese als Dauerleihgabe in der Kirche verbliebene Himmelstreppe nimmt den auch sonst in der Gestaltung des Raumes immer wiederkehrenden Gedanken der Polarität des Lebens auf - oben und unten, rechts und links, kalt und warm, hell und dunkel, außen und innen usw.; das Leben ist immer ein "Dazwischen", ein Auf und Ab, das Ein- und Ausatmen, das Geben und Nehmen. Auch an die Aussage des zweiten Artikels im apostolischen Glaubensbekenntnis ist zu denken:"...hinabgestiegen in das Reich des Todes, aufgefahren in den Himmel...".

 

Decke und Orgel

An der Wand befindet sich das Triptychon "Jesu Versuchung" des Wiesbadener Künstlers Bernd Brach. Dieses Werk wurde der Gemeinde zur Wiedereinweihung nach dem Umbau von dem Hochheimer Rechtsanwalt Dr. Gerold Buschlinger gestiftet.
Thema des Triptychon ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem historischen Jesus und dem verkündeten Christus: welche Botschaft bleibt in den "Füllhörnern" der Hörerinnen und Hörer zurück, auch wenn sich das "tatsächliche", historische Geschehen ihren Blicken entzieht und sich die Vorstellungen wandeln - wie hier die verblassenden Nazarener Darstellungen des 19. Jahrhunderts.

Das Deckengemälde wurde bei der Neugestaltung des Innenraumes von dem ukrainischen Künstler Alexander Osipov entworfen und gefertigt; es wurde der Gemeinde von der Frankfurter Maler-Firma Heinrich Paulus Füller gestiftet.
Die heilige Familie, diese Holzskulptur an der Rückwand, kam zusammen mit dem Kruzifix bei der Innenrenovierung 1960 in die Kirche.
Beide wurden von einem nicht mehr bekannten bayrischen Holzbildhauer gefertigt.

Die Orgel wurde von der Firma Carl G. Weigle (Stuttgart-Echterdingen) im Jahre 1901 erbaut; sie hatte ursprünglich 13 Register, drei feste Kombinationen, Registerschwellen mit Tritt, pneumatische Taschenladen und mechanische Registerzüge. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie im Rahmen der Kirchenerneuerung umgebaut. Damals wurde das Instrument auch im Klangbild verändert. Register wurden ergänzt, einige reduziert oder ganz weggelassen. Im Pedalwerk wurde die Oktav 8` nachträglich eingebaut. Im heutigen Prospekt stehen die Prinzipal-Pfeifen des 1. Manuals.
Besonders zu erwähnen ist, dass diese Orgel auch ohne elektrisch erzeugte Luft aus dem Blasebalg gespielt werden könnte. Das Instrument steht unter Denkmalschutz.