Wort zum Sonntag vom 3.4.2020

ansteckend

Mitten auf dem Weg am Waldrand ist an einer Bank dieses warnende Schild aufgehängt worden, damit niemand zu nahe beieinander Platz nimmt und sich anstecken könnte. Das ist geboten in dieser Zeit der Corona-Pandemie: Alles, wirklich alles zu tun, die lebensbedrohliche Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus einzudämmen. Wir halten konsequent Abstand voneinander, versuchen das Möglichste und nehmen große Einschränkungen in Kauf, um einander nur nicht anzustecken.
Ansteckung müssen und wollen wir dringend vermeiden und wir wissen, dass unser aller menschliches Verhalten für die Ansteckung verantwortlich ist.
In beiden Richtungen. Im Hinblick auf die gefährliche Ansteckung mit dem Virus und – im Hinblick auf all das andere, womit es uns jetzt möglich ist, einander anzustecken. „Auch gute Laune kann ansteckend sein“ ist ein Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 23. März (Seite F5) überschrieben.
Darin wird von Familien erzählt, die farbenfrohe Transparente für den Zusammenhalt gemalt und an Gartenzäunen und Balkongeländern weithin sichtbar ausgehängt haben, um sich und andere anzustecken mit Durchhaltekraft, mit einem Lächeln vielleicht, mit Hoffnung …
Ja, unser menschliches Verhalten ist für die Ansteckung verantwortlich. Und offensichtlich wissen wir darum, dass es auch eine positive, lebensförderliche Ansteckung gibt. Eine, die so wirkt, wie wenn das Licht einer brennenden Kerze eine erloschene Kerze wieder ansteckt und das Licht ausbreitet.
Gott sei Dank treibt uns die Angst vor der sich verschärfenden Ausbreitung des Virus nicht den Sinn für unsere großen Möglichkeiten aus: uns gegenseitig anzustecken mit Empathie.
Wie viele kreative Ideen sind in den letzten Wochen entwickelt worden, wie viele Programme aufgelegt worden, um zu helfen, um Unterstützung anzubieten und zu gewähren, auch um sprechen zu können und angehört zu werden, und um allem zu wehren, was uns ohnmächtig zurückließe inmitten all dessen, woran jede und jeder Einzelne in unterschiedlicher Weise leidet.
Die Karwoche beginnt übermorgen, am Palmsonntag – die Woche, in der Christinnen und Christen das Leiden Jesu in den Blick nehmen, dem eigenen Leiden und dem Leiden anderer nicht ausweichen, sondern hinsehen. Und aufsehen zu Jesus, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh. 8,12) Seinem Licht trauen Christenmenschen zu, dass es Dunkles durchbricht und wo immer es nottut, uns Menschen neu anzustecken vermag mit beständigem Lebensmut und kräftiger Zuversicht. Auch dann, wenn unser gewohntes Miteinander, unsere schönen und stärkenden alltäglichen Begegnungsmöglichkeiten und viele unserer Pläne jetzt so schmerzlich durchkreuzt sind, so dürfen wir doch weiter sehen – voraus auf das Licht, das uns österlich erfüllen kann – an jedem neuen Morgen.

Pfrin. Christiane Monz-Gehring