Wort zum Sonntag vom 17.09.2021

Jetzt habe ich ein bisschen weniger Angst

An einem Donnerstag kurz vor den Sommerferien. Mit einer Gruppe Viertklässler bin ich auf dem Weg zum Friedhof. Ja, zum Friedhof, ein Unterrichtsgang im Rahmen des Religionsunterrichts. Mitten in der Pandemie wage ich es, Tod und Sterben, Trost und Hoffnung zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Einige Eltern sind sehr unsicher: „Muss das sein? Muss das gerade jetzt sein?“ Ja, denke ich, die Kinder brauchen einen geschützten Rahmen, in dem sie ihre Ängste formulieren können. Ihre Erfahrungen mit dem Sterben und dem Tod. Immer wieder verwundert es mich, wie ernsthaft sich die Kinder damit auseinandersetzen, wie gut sie den anderen bei diesem Thema zuhören. Und dann ihre Klassenkameraden mit anderen Augen sehen. „Wie, dein Papa ist schon so lange tot?“ „Ja, meine Oma hat auch Krebs gehabt.“ Empathisch und mitfühlend – und froh, endlich über dieses „Tabuthema“ reden zu können. Nun also zum Abschluss gehen wir gemeinsam auf den Friedhof. Besprechen vorher, wie man sich dort verhält. Nicht rennen, nichts von den Gräbern wegnehmen, miteinander flüstern. Ich entlasse die Kinder in kleinen Gruppen, um sich mittels eines Beobachtungsbogens auf dem Friedhof zu bewegen. Sie suchen nach Symbolen auf den Grabsteinen, nach Grabinschriften, die sie bewegen. Eine meiner russischen Schülerinnen liest mir kyrillische Schriftzeichen vor und übersetzt sie. Wir finden Urnengräber und anonyme Gräber. Einer ruft: „Dahinten liegt meine Großtante begraben“. Innerlich bewegt stehen die Kinder vor den Kindergräbern. Entdecken Spielsachen und rechnen das erreichte Lebensalter aus. „Oh, dieses Kind ist nur 6 Monate alt geworden“. Ihnen wird bewusst, dass auch junge Menschen und Kinder sterben können. Eine meine Schülerinnen ist ganz begeistert von den gepflegten Blumen auf vielen Gräbern: „Das möchte ich auch mal machen“. Mit einer Frau, die ein Grab pflegt, kommt eine Gruppe der Kinder ins Gespräch. Sie freut sich darüber, dass Kinder den Friedhof besuchen und ihn „erleben“. Bei dem gemeinsamen Gespräch danach berichten viele, dass sie noch nie vorher auf einem Friedhof waren. Dass ihnen die Ruhe des Friedhofs gutgetan hat, dass sie die Mauer, die den Friedhof umgibt, wie ein „Innen und Außen“ empfinden. Ich denke, dass es wichtig ist, den Kindern die Scheu zu nehmen, die diese große unbekannte Dimension, das Ende allen Lebens, beinhaltet. Ihnen die Hoffnung zu geben, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist, dass es eine Geborgenheit beim himmlischen Vater gibt. Alle Jahre ein schweres Thema, ein Thema bei dem Tränen fließen. Ein Thema, bei dem die Kinder danach sagen: Gut, dass wir darüber gesprochen haben, jetzt habe ich ein bisschen weniger Angst vor dem Tod.

Marijke Muno, evangelische Kirche