Wort zum Sonntag vom 23.07.2021

Kirchenutopie

Als junge Pfarrerin in einen „Betrieb“ (also die Landeskirche) zu starten, der seit einigen Jahren und noch für einige Jahre hauptsächlich mit Mangelverwaltung und Kürzungsprozessen beschäftigt ist, birgt Herausforderungen. Ich bin mit viel Schwung in das neue Amt gestartet, mit vielen Ideen und Visionen für unsere Kirche, auch solchen, die wir  gemeinsam in unserem Ausbildungskurs erdacht und erträumt haben. Ein halbes Jahr bin ich nun im Dienst und ich habe große Freude daran. Es ist viel los in Hochheim, in der Kommune wie in der Kirche. Unheimlich viele Menschen engagieren sich hier ehrenamtlich mit viel Zeit, Kraft und Passion und ich darf Teil dieses großen Teams sein. Das macht mich glücklich. Man hilft sich gegenseitig, plant gemeinsam Feste und besondere Veranstaltungen, blickt zurück und in die Zukunft.

Ich erfreue mich derweil auch an vielen Begegnungsmöglichkeiten mit Menschen, die der Kirche vielleicht schon etwas distanzierter gegenüberstehen, aber eben trotzdem finden, dass die Taufe „einfach dazu gehört“; dass bei einer rein standesamtlichen Trauung „irgendetwas fehlen würde“; die finden, dass sich junge Menschen in der Konfirmand:innenzeit bewusst mit Kirche und Glauben auseinandersetzen sollten, um zu einer eigenen Haltung zum Glauben zu gelangen;  die den Abschied von einem Menschen im Horizont der christlichen Auferstehungshoffnung als besonders würdig und tröstlich erlebt haben, auch wenn sie sonst kein Bedürfnis nach regelmäßigem Gottesdienstbesuch haben. Das sind die vielen schönen Momente meines Dienstes: mit kirchlich eng Verbundenen und loser Verbundenen gleichermaßen Glauben zu leben, je und je in ganz unterschiedlicher Form, aber immer aus der Kraft und Zusage Gottes heraus.   

Ich will aber nicht verschweigen, dass mich der Kürzungsdruck, der Mitgliederschwund, das kirchenpolitische Unwort „ekhn2030“, das enttäuschte Fragen (fast) aller Gemeindegruppen: ‚Warum wächst kein Nachwuchs für unsere Arbeit nach?‘ auch belasten.

Als ich in den Dienst startete, war mir von Anfang an klar, dass sich in den nächsten Jahren vieles wird ändern müssen, dass die Ressourcen unserer Kirche an allen Orten, in allen Gemeinden weniger werden, dass wir Kräfte bündeln müssen, dass wir auch von Liebgewonnenem werden Abschied nehmen müssen. Das alles ist für eine Berufsanfängerin wesentlich leichter als für Menschen, deren Herzblut schon eine ganze Weile in bestimmte Projekte, Gruppen und Traditionen geflossen ist.  Ich sehe mich also häufig in der wenig verheißungsvollen Vermittlungsaufgabe, zwischen jenen die in den Traditionen ihrer Kirche und ihres kirchlichen Engagements Heimat finden und jenen, auf die solche Traditionen und Routinen ausgrenzend und abschreckend wirken.

Was hilft, ist sich in diesen Moment immer wieder neu darauf zu besinnen, was eigentlich Kern und Mitte unseres christlichen Engagements ist: Der Glaube an Gottes bedingungslose Zuwendung und Liebe zu allen Geschöpfen. Aus dieser Zuwendung zu leben, sie miteinander zu erleben und ihr auch in unserem Wirken Gestalt zu geben, sehe ich als vornehmste Aufgabe unseres kirchlichen Handelns an.

Ich möchte enden mit einigen Abschnitten aus „This is my Utopia“ von Charlotte Eisenberg, Pfarrerin in Frankfurt-Sossenberg. Ihre Worte haben mich berührt. Bloß weil wir in etwa der gleichen Generation angehören oder weil Charlotte Eisenberg mit ihrer Utopie den Kern unseres christlichen Auftrages bebildert?

„In meiner Utopie ist Kirche ein Kind des Geistes. Und nicht des Papiers und der Bürokratie. Nicht das Mitgliedschaftsverzeichnis und auch nicht das Taufregister zeigen an, wer dazu gehört und wer nicht. Denn die Taufe ist Geschenk und Gabe Gottes an uns. Wie könnte sie dann Bedingung sein? Nein, keine Bedingung ist sie, sondern Ausdruck unserer Sehnsucht. So ist es auch nicht wichtig, wann und wie oft jemand kommt. Erst recht sind es nicht zwei Buchstaben auf dem Lohnsteuerzettel, die entscheiden, wer dazu gehört. In meiner Utopie geht es um ein Suchen, ein Streben nach dem, was uns Heil und Ganz macht. Und dies ist durch kein Formular, kein Gesetz, keine Besuchsfrequenz abzubilden. Deswegen wird hier auch nicht diejenige Pfarrerin, deren Partner*in das richtige Geschlecht und die rechte Religion hat. Sondern diejenige, die die Menschen mitnehmen kann auf ihrer Reise zum Heiligen.

In dieser Utopie ist Kirche eine Hütte und kein Palast. Hier verkünden nicht Gold und Marmor Gott. Hier maßt sich nicht menschlicher Größenwahn an, Gottes Wunder nachzuahmen. Wer sind wir, dass wir meinen, Gott in Stein abbilden zu können? In meiner Utopie wird das Heilige nicht durch Denkmalschutz und Tradition zugemauert. Hier wird Kirche heilig durch das, was in ihr geschieht: Das mutige Offenlegen von Wunden, das schützende Umarmen der Schwachen, das leise Weinen, das laute Lachen, das wilde Tanzen und das wütende Brüllen. In meiner Utopie gibt es die Stille der Wüste. Es gibt den Lärm des Marktplatzes und die Ekstase des Festes  (…) Der Dienst an Gott, Gottes Dienst an uns, findet statt, wo, wann und wie er gebraucht wird. Er lässt sich nicht einhegen und verordnen. Und er zeigt sich nicht in Form eines Geheimbundes, wo nur die Eingeweihten die rechten Worte und die erwünschten Gesten kennen. Jeder und jede wird willkommen geheißen und mitgenommen. Nicht die agendarischen Formen I und II sind hier vorgeschrieben, sondern das Ermöglichen von göttlicher Erfahrung. In Herz und Verstand, in Leib und Seele.

In meiner Utopie ist Kirche gegenwärtig (…) Sie orientiert sich in ihrer Verkündigung an der Art, wie die Menschen um sie herum kommunizieren. Sie verkauft sich aber auch nicht, versteht sich nicht als Marke und orientiert sich nicht an Leistung, wie sie der Markt kennt. Denn hier geht es nicht um ein Produkt, sondern um Gottes Wort vom Reich Gottes. Aber sie kommuniziert so, dass Menschen sie wahrnehmen. (…) Sie spricht nicht in hoher Sprache, die keiner versteht. Und sie biedert sich nicht an. Denn sie ist schon da, wo die Menschen sind. Was anderes ist Kirche als die Menschen, die darin sind? Deswegen kommen hier auch genau diese Menschen zu Wort. In meiner Utopie spricht nicht die Kirche zu den Menschen, sondern die Menschen der Kirche sprechen miteinander. Sie tauschen sich aus, sie hören einander zu, sie essen und tanzen miteinander und sie schweigen gemeinsam. So dass Gottes Wort sich Bahn bricht.

In meiner Utopie ist Kirche der Leib Christi. Hier hat keiner Macht über den anderen. Pfarrerin und Gemeindeglied, Alt und Jung, Verwalterin und Arbeiter im Weinberg, Weiße und Schwarze, Bischöfin und Pfarrer, Hetero und Queer, Mann und Frau – sie alle wissen: wenn einer leidet, leidet der ganze Körper. „Einer trage des anderen Last“: eine solche Gemeinschaft kennt keine Machtpose und Schwäche zeigen zu können gilt allen als die wahre Stärke. Die alten Machtspiele und Hierarchien wurden längst durchschaut, egal wie informell und subtil sie waren. Denn wie die Kirche sich Christus unterordnet, so ordnen sich nun die Mächtigen den Schwachen unter. Und geben damit Gott einen guten Grund, vor Freude laut zu lachen.“

Pfarrerin Dr. Olivia Rahmsdorf