Rückblick
24h-Lesen durch die Bibel
Die Bibel in 48 Stimmen
Ein Artikel von Annette Zwaack, Hochheimer Zeitung
Hochheim. Angenehm kühl ist es im Kirchenraum am Samstagmittag. In der evangelischen Kirche sind Stühle zur Seite gräumt, Liegestühle aufgebaut, Sitzkissen, ein Teppich darauf Decken zu Polstern drapiert. Lounge-Atmosphäre. Zum Halbrund nach vorn geht der Blick auf einen gemütlich wirkenden Ohrensessel. Hier sitzt eine Leserin mit der Bibel auf dem Schoß, rechts das Mikrofon, links ein Leselicht.
24-Stunden-Lesen. In Hochheim kennt man seit etwa 30 Jahren den 24-Stunden-Lauf, Großprojekte kann man in Hochheim „stemmen“, aber mit einer 24-stündigen Bibel-Lesung Menschen in die Kirche zu locken – das scheint ein gewagtes Vorhaben. Ulrike Erb hatte die Idee – inspiriert vom Projekt „Marburg liest die Bibel“ – und der Runde Tisch Ökumene (RTÖ) hat sich anstecken lassen.
24 Stunden aus der reichen Bibliothek der Bibel zu lesen und zu hören, könnte die Chance sein, die Verse neu oder anders zu hören. Ausgesucht wurden die „Propheten“, die als Boten Gottes den Menschen seine Nachrichten verkünden, also Go(o)d News, wie es in der Einladung zum Projekt hieß.
Jesaja beginnt
Beate Hientzsch und Ulrike Erb eröffneten die Lesezeit am Samstagmorgen kurz vor 10.00 Uhr: 18 Bücher, beginnend beim Propheten Jesaja, werden zu hören sein, und dann noch die vier Evangelien, falls die Leser:innen schnell genug sind.
Erste Leserin ist Pfarrerin Dr. Olivia Rahmsdorf. Sie nimmt die Bibel vom Altar und setzte sich anschließend auf den Sessel: „Dieses Buch enthält die Vision Jesajas. Er war der Sohn des Amoz ...“
Vom Lesen und vom Zuhören
48 Menschen haben sich in die Leseliste eingetragen: eine 13-Jährige, ein 80-Jähriger, Frauen, die eher nicht im Gottesdienst anzutreffen sind, Theologen und Theologinnen, Gerne-Leser:innen, Fromme ... alle fasziniert vom Wort Gottes und der Aufgabe Nachrichtensprecherinnen und Nachrichtensprecher Gottes zu sein.
Gelesen wurde aus der Basis-Bibel, einer modernen Übersetzung in klarer und leicht verständlicher Sprache, die den Zugang zu biblischen Texten erleichtert. Im Lauf der 24 Stunden waren es viele, die sich eine Auszeit in der Kirche nahmen und zuhörten. Für sie, genau wie für die Lesenden, wurde manche Stelle zu harter Kost: Zerstörte Länder, Flucht, gefallene Herrscher. Ungewohnte, aber auch klangvolle biblische Namen, wie Nebukadnezzar, Jojakim, Serubbabel, Jozadak, Schealtiel ... stellten eine kleine Herausforderung dar.
Nicht immer war der Kirchenraum richtig voll. Aber kein Leser, keine Leserin war allein in der Kirche. Nicht nur die Mitglieder des RTÖ, die abwechselnd das Lesen und die Leser:innen betreuten, sondern, ob gezielt, verabredet oder zufällig sah man Menschen entspannt in den Liegestühlen sitzen oder im Liegen auf dem Teppich den Worten aus der Bibel lauschend.
Zur besonderen Atmosphäre des Bibelmarathons trug auch die Beleuchtung bei, die sich im Zusammenspiel mit dem natürlichen Tageslicht während der 24 Stunden ständig veränderte und den Kirchenraum in immer neue Lichtstimmungen tauchte.
Der Sonntagmorgen war dann plötzlich da. Alle Propheten waren gelesen, kurz nach 8.00 konnte Edith Wittenbrink mit der Guten Nachricht nach Johannes beginnen: „Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott ...“, und Jürgen Müller endete fast Punkt 10.00 Uhr.
Kaum hatte er die letzten Worte gelesen, griffen viele helfende Hände ineinander. Fast geräuschlos verwandelte sich der für den Bibelmarathon gestaltete Kirchenraum wieder in die gewohnte Gottesdienstkirche. Ohne Hast, aber mit beeindruckender Routine war alles rechtzeitig vorbereitet, und schon bald füllten sich die Reihen mit den Besucherinnen und Besuchern des Gottesdienstes.
Stimmen aus dem RTÖ
Es ist so spannend, immer eine andere Stimme zu hören und die Texte im Zusammenhang zu hören, nicht immer als kurze Ausschnitte zur Lesung in einem Gottesdienst
Gertrud Fuhrmann
Gestern Vormittag wurde ein zufällig vorbeikommender Mann aus Oberwalluf von unserer Beachflag angelockt und hat eine Weile begeistert zugehört, bevor er sich bei Olivia Rahmsdorf und mir über unser Projekt informiert hat. Als aktives Mitglied der katholischen Kirche seiner Gemeinde nahm er, inspiriert von unserer Begeisterung, alle Infos mit nach Hause.
Ulrike Erb
Ich habe von mehreren Hörerinnen gehört, welche Zumutung die Texte waren, da hätte es oftmals eine Triggerwarnung gebraucht. Aber es gab auch Verse, die genau zur rechten Zeit gelesen wurden. Mein Highlight: als gelesen wurde „Man soll die Backe dem hinhalten, der zuschlägt, und jede Demütigung ertragen“ (Klagelieder 3,30), genau in dem Moment wurde das Christus-Fenster langsam hell ...
Caroline Schneider
Etwas erstaunt war ich schon über die von Priestern „vollgekotzen Tische (… es gibt keine saubere Stelle mehr“ Jesaja 28,9), über die sich Jesaja da echauffiert. Und noch so manch anderes Prophetenwort hat mich ziemlich aus der Reserve gelockt. Gerichts- und Unheilsprophezeiungen in sehr plastischen und drastischen Bildern!
Aber es war unendlich gut, dass wir gemeinsam durch das ganze, mitunter sehr dunkle Dickicht der Prophetenworte gegangen sind. Dadurch wurden mir die Heilsworte wie nie zuvor zum echten Trost. Was für ein bemerkenswertes Projekt! Ich bin den Ehrenamtlichen und meiner katholischen Kollegin unendlich dankbar für diese Erfahrung!
Olivia Rahmsdorf
Eine spannende Erfahrung nachts in einer – fast leeren Kirche – zu lesen und als Zuhörerin sich mal für längere Zeit aufs „vorgelesen bekommen“ einlassen ...
Angelika Biehler
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